Wort für die Woche - Archiv

Im Zeitraum von Ende März bis Pfingsten 2020, dem Zeitraum des Lockdowns aufgrund der Corona-Krise, erschien wöchentlich in der Mainpost ein kurzes "Wort für die Woche". Hier können Sie diese noch einmal nachlesen.

„Ich drück dir die Daumen!“, sage ich zu Lisa. Lisa steht am Fahrradständer und macht sich auf dem Weg zu ihrer Abiturprüfung. Sie runzelt die Stirn und schnauzt mich an: „Was heißt denn das? Du drückst mir die Daumen?“  Bei Lisa liegen die Nerven blank. Homeschooling, selbstständig arbeiten ohne Klassengemeinschaft, Lerngruppe per Videokonferenz - das war hart für sie. Richtig erleichtert war sie, als die Abiturvorbereitung wieder analog in der Schule stattfand. 
Lisas Reaktion hat mich nachdenklich zurückgelassen.

„Ich drück dir die Daumen.“- sage ich das so dahin und bin im nächsten Moment  mit den Gedanken woanders. Oder meine ich: „Ich denk an dich, während du in deiner Prüfung schwitzt.“ Als Pfarrerin sage ich oft:  „Ich bete für Sie.“ Sagt der Satz mehr aus?

Im Nachgang stimme ich Lisa zu. Es ist eine Floskel, wenn jemand  sagt  „Ich drücke dir die Daumen.“. Es kann alles oder nichts heißen. Wenn dagegen jemand sagt, „ich bete für dich“, drückt es noch mehr aus: „Ich bete für dich in deiner schwierigen Situation, damit du nicht alleine bist. Gott ist bei dir und ich denke ganz fest an dich und ich bitte Gott um seine Unterstützung für dich.“

Der letzte Sonntag hatte das Motto Rogate-Betet. Dieser Sonntag erinnert uns daran, dass wir Christen ein wunderbares Geschenk haben. Das Gebet. In den letzten Wochen standen unsere Kirchentüren offen. In vielen Gemeinden gab es die Möglichkeit sein Gebet offen in ein Büchlein zu schreiben. Ich war erstaunt, wie viele Menschen dieses Angebot in der Corona-Pandemie genutzt haben. Lehrt Not tatsächlich beten, wie der Volksmund sagt? Mein Eindruck ist, dass viele Menschen das Gebet als Kraftquelle neu entdeckt haben. Ich kann meinen ganzen seelischen Schrott, alles was mich belastet und mir Sorgen macht, bei Gott abladen. Genauso was mich freut. Von Dietrich Bonhoeffer stammt dieses wunderschöne Zitat: „Nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen erfüllt Gott.“

Mareike Rathje, Pfarrerin im Schwarzacher Becken und Weininsel

 

erschienen am 18.5.2020 in: Mainpost Kitzingen

Pfingsten, das ist ein Wechselbad der Gefühle. Mutlos, enttäuscht, verzweifelt, so zeigt sich das Bild der ersten Christen vor 2000 Jahren. Die Kreuzigung Jesu durch die Römer ist zur Bedrohung auch für ihr Leben geworden. Verständlicher Weise verschanzen sich hinter dicken Mauern und verlassen kaum noch das Haus.

Und dann kommt Pfingsten. Es weht ein kräftiger Wind. Der Heilige Geist, der nicht nur Fenster und Türen zu öffnen vermag, erfüllt sie mit ganz neuer und wundersamer Energie.

Die ersten Christen werden mutig, trauen sich wieder hinaus und erzählen voller Begeisterung von Jesus. Wie er Kranke geheilt und Verzweifelte getröstet hat. Wie er sich eingesetzt hat für die, die gesellschaftlich an den Rand gedrängt waren. Wie durch ihn auch ihr Glaube an Gott gewachsen ist. Voller Inspiration  entdecken sie: Menschlichkeit, Gemeinschaft, Hoffnung und Vertrauen auf Gott sind größer als alle Ungewissheit.

Auch die Zeit einer Pandemie ist ein Wechselbad der Gefühle. Da gab es zu Beginn den ersten Schock und manche Panik. Kein Wunder, dass die meisten von uns erst einmal einkaufen gegangen sind. Viele haben schlecht geschlafen, haben sich ohnmächtig und ausgeliefert gefühlt. Es gab bange Momente, Geduldsproben und Phasen der Angst. Aber irgendwann gab es auch ein leichtes Aufatmen, eine gewisse Routine im achtsamen Umgang miteinander.

Noch ist nicht alles überwunden, aber uns Menschen ist die Fähigkeit gegeben über uns hinauszuwachsen, Schwierigkeiten zu meistern, Veränderung zu gestalten und anderen in Not zu helfen. Pfingsten ermutigt zur Zuversicht. Jesus sendet den Geist der Hoffnung, der Kraft und der tätigen Nächstenliebe. Aus Mutlosen werden Engagierte, Verzweifelte wagen neue Wege und Traurigen eröffnet sich neuer Gestaltungsraum. In dieser Erwartung, dass Gott geben wird, was wir zum Leben brauchen, gehen wir auf das Pfingstfest zu. Der Heilige Geist wird Mittel finden uns zu berühren, Energie zu schöpfen und das Leben neu zu bestehen.

Jacqueline Barraud-Volk

Pfarrerin in Marktbreit, außerdem im Schuldienst im Egbert Gymnasium der Abtei Münsterschwarzach sowie Rundfunkpredigerin im Bayerischen Rundfunk

 

erschienen am 29.5.2020 in: Mainpost Kitzingen

Schwimmend durch die Krise 

„Wem das Wasser bis zum Hals steht, der sollte den Kopf nicht hängen lassen“ – sondern anfangen zu schwimmen. Dann macht er die Erfahrung, dass das Wasser ihn trägt und er in der Krise nicht untergeht. Die Corona-Krise erschüttert im Moment unser Land. Niemand weiß, wie wir durch diese Krise kommen. Viele blicken mit Sorge auf ihre Zukunft. Hilflosigkeit macht sich breit. Die Enge der eigenen Wohnung wird als belastend empfunden.  Viele sind durch Homeschooling und Homeoffice überfordert. Und kein Ende abzusehen. Die Krise dauert an, der Wasserpegel steigt. Doch: „Leben heißt nicht zu warten bis der Sturm vorbeizieht, sondern zu lernen im Regen zu tanzen.“

„Zuversicht – 7 Wochen ohne Pessimismus“ so hieß die Fastenaktion der Evang. Kirche in der Passionszeit 2020. Ostern ist zwar vorbei, das Thema aber umso aktueller. Kommen wir schwimmend – mit Zuversicht- durch die Krise oder zieht uns der Pessimismus runter?  Zuversicht beflügelt zu mutigem Handeln, lässt aufatmen, setzt Energie frei und trägt uns durch Krisen. Manchmal genügt eine kleine Änderung der Blickrichtung. Ja, das Glas ist halbvoll. Die Kraft des Optimismus, eine positive Lebenseinstellung, das Vertrauen in die Zukunft lässt  Dinge in einem neuen Licht erscheinen. 

Viele ließen den Kopf nicht hängen und engagierten sich, zeigten Solidarität und Menschlichkeit,  begeisterten mit kreativen Innovationen, entdeckten  neue  Kommunikationsformen.  freuten sich über die geschenkte Zeit, und entdeckten, dass alle Menschen wichtig und „systemrelevant“ sind. 

Christen fühlen sich von Gott getragen, wissen sich in Gottes Hand geborgen und erfahren selbst im Angesicht von Tod und Trauer Trost und Zuversicht. Der alte Vers „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück. Denn du Gott bist bei mir.“ lässt mich zuversichtlich jeden Tag dankbar als Geschenk annehmen und mich daran erfreuen.

Und nicht vergessen: Kopf hoch :-) 

Klaus Raab, Dekanatsjugendreferent

 

erschienen am 11.5.2020 in: Mainpost Kitzingen

Bildrechte: beim Autor

Mit langem Atem lebt sich`s gut

Der Atem ist - wie der Herzschlag – ein Grundrhythmus unseres Lebens. Was immer wir tun, bei Tag und bei Nacht, solange wir leben: Wir atmen. Wenn wir uns körperlich anstrengen oder aufgeregt sind, geht er schneller, manchmal ringt man nach Atem, dann geht er wieder ruhig dahin. Eine Grundübung der Meditation ist, mich dem Fluss meines Atems zu überlassen, wahrzunehmen, wie er ein- und ausströmt, wie von selbst. Aber auch bei sportlichen Aktivitäten, beim Wandern oder Joggen, ist es wichtig, seinen Atemrhythmus zu finden. Es macht keinen Sinn, eine Strecke so anzugehen, dass man nach einiger Zeit völlig aus der Puste ist.

Ein langer Atem steht sprichwörtlich für Gelassenheit. Wer einen langen Atem hat, gerät bei einer herausfordernden Situation nicht gleich in Aufregung und lässt sich nicht erdrücken von einem Berg von Aufgaben. Ein langer Atem ist auch gefragt in der Beziehung zu meinen Mitmenschen, wenn ich die Liebe durchhalte, auch wenn die Nerven blank liegen. Dann kann auch mal ein Seufzer Ausdruck des langen Atems sein.

Solchen langen Atem brauchen wir in der derzeitigen Lage besonders. Seit 7 Wochen ist vieles anders, und wir begreifen: Wir werden noch lange mit der Pandemie leben. Ein langer Atem hilft, dass wir uns nicht verrückt machen und ängstigen lassen, sondern geduldig und gelassen mit der Situation umgehen.

Wenn einer einen langen Atem hat, dann ist das Gott. Sein großer Atem strömt durch die Welt mit Frühling und Herbst, Frost und Hitze, Tag und Nacht. Wenn ich mir vorstelle, was Gott so mit uns Menschen erlebt, braucht er diesen langen Atem besonders. Es ist der lebensschaffende Schöpfergeist, voll Güte und Trost. Und manchmal, glaube ich, kann auch ich ihn spüren: Wenn ich irgendwo in der Natur unterwegs bin, zu Fuß oder mit dem Fahrrad ein gewundenes Tälchen entlang: Der Bach gluckst, die Sonne scheint durch das zarte Grün der Bäume, die Vögel zwitschern um die Wette – da ist alles gut, und Corona ist weit weg. Da kann auch ich aufatmen, da strömen Zuversicht und Lebensfreude zurück.

Bleiben Sie gesund und behütet!

Matthias Wagner, Pfarrer in Segnitz

 

erschienen am 4.5.2020 in: Mainpost Kitzingen

Bildrechte: beim Autor

Ideen entwickeln – Spaß finden – Gutes tun 

Du schneidest dir selbst die Haare, stellst vorher-nachher-Bilder ins Netz und lachst mit anderen, die die gleichen Probleme haben. Das gesparte Geld spendest du für Menschen, die jetzt besonders in Not sind, – das fühlt sich richtig gut an! #haircutchallenge ist eine der unfassbar vielen Ideen, die in der Krise entstanden sind. Da werden Einkäufe für ältere Menschen organisiert, gemeinsam digital musiziert und gebetet, jemand hängt eine Klopapierrolle am Schmuckband an seine Haustür für „Bedürftige“; und kaum war der Mangel an Schutzausrüstung klar, gab es schon ein Netzwerk von Informatikern, die Folien im Baumarkt besorgen und im 3-D-Drucker Atemschutze für Kliniken herstellten.

Ist das nicht großartig, was dieses fiese Virus wie die Sonne zum Schatten an Kreativität und Gemeinsinn mit sich bringt? Über Wochen ziehen Politiker verschiedenster Parteien weitgehend an einem Strang, bringen drastische Maßnahmen und millionenschwere Hilfspakete fast im Stundentakt auf den Weg. Was für eine grandiose Freiheit: Neues entdecken, kreative Lösungen finden, uns aufmerksamer begegnen. Ostern ist der Durchbruch unbändiger Lebenskraft!

Dies frische Leben ist teuer erkauft: der Zerstörungswelle abgerungen, die unzählige Menschen an den Abgrund führt. Was müssen da viele aushalten! Mit dem, der jetzt sein Einkommen verliert, wird das Lebenswerk von Generationen zerstört. Und das alles, damit die gesamte Bevölkerung – und dazu gehören wir - halbwegs durchkommt. Da leiden viele und sterben Existenzen auch für meine Sicherheit. Sollten wir die Chance verspielen, diese ungeheuerliche Krise umsichtig in Griff zu nehmen und die Welt freundlicher zu gestalten? 

Die allgegenwärtige Anspannung will sich Luft machen. Die Frage ist nur, in welche Freiheit der Überdruck entweicht: gibt es einen gigantischen Knall und übrig bleiben nur Fetzen? Oder gelingt es, der Spannung ein Ventil zu geben: erste Einkäufe zu genießen, und Einschränkungen zu tragen zum Schutz für uns alle? Die Kette ist so stark wie ihr schwächstes Glied. 

Ein paar unbeschwerte Osterlacher, frischen Lebensmut, Schutz und Segen in dieser schwierigen Zeit wünscht Ihnen 

Maria Reichel, Schwanbergpfarrerin 

 

erschienen am 20.4.2020 in: Mainpost Kitzingen

Bildrechte: beim Autor

„Das war eine richtige Fastenzeit!“, meinte neulich meine 8 jährige Nichte zu mir am Telefon. „Wie meinst du das?“, frage ich sie. „Man merkt jetzt, was wirklich wichtig ist im Leben. Unterricht zum Beispiel. Früher fand ich die Schule doof. Hausaufgaben sowieso. Aber jetzt fehlt sie mir richtig.“ Leise flüstert sie ins Telefon. „Mama gibt sich alle Mühe beim Hausaufgaben erklären. Aber das kann meine Lehrerin viel besser.“

So wie meine Nichte geht es gerade zahlreichen Menschen. Die vielen Einschränkungen des öffentlichen Lebens, kein Gottesdienst oder Besuch sind ein harter Einschnitt. In Seelsorgegesprächen am Telefon erfahre ich, wie viel die Situation meinen Mitmenschen abverlangt. Da ist die ältere Dame, die schwer krank ist und sich nach der Nähe ihrer Lieben sehnt.  Ihre Familie schützt sie, indem sie auf genau diesen körperlichen Kontakt verzichten. Darunter leidet sie.

Gerade in Krisenzeiten, wenn es einem schlecht geht, tut es gut, sich auf all das Schöne und Gute zu konzentrieren. Statt auf das Negative zu schauen, sich zu fragen, was macht das Leben reicher?  Bewusst wahrnehmen, welche kostbaren Dinge es sind, die den grauen Alltag bunter machen. Noch nie habe ich so bewusst das Obstblütenmeer wie in diesen Tagen miterlebt. Ich freue mich an der Sonne, dem deutlich reduzierten Verkehrslärm und dem fröhlichen Vogelgesang. Ganz passend fand ich dieses Jahr die Fastenaktion der Evangelischen Kirche Deutschland. Das Motto lautete Zuversicht. Sieben Wochen ohne Pessimismus. Wie wichtig ist es in der aktuellen Situation die Zuversicht nicht zu verlieren. Mich begleitet in diesen Tagen der Bibelvers aus 2. Timotheus 1,7: Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Genau diese Kraft der Liebe und der Besonnenheit wünsche ich Ihnen. Und was macht ihr Leben in diesen Tagen reicher?

Pfarrerin Mareike Rathje aus Schwarzach am Main

 

Erschienen am 20.4.20 in: Mainpost Kitzingen

Bildrechte: beim Autor

„Alle“

„Alle“ – das bedeutet das griechische Wörtlein „pan“. Daher der Name „Pan-Demie“. Die Krise trifft alle: Ein Virus geht hin in alle Welt, und alle Völker werden zu Betroffenen. Alle Bereiche unseres Leben sind berührt. Alles konzentriert sich aufs Leben und Überleben. Mancher bangt um seine Existenz. Viele sind hilflos, manche verzweifelt, einige wütend, nicht wenige verängstigt. Alle warten auf die befreiende Botschaft, dass die schwere Zeit zu ihrem Ende kommt.

Alle Tage läuten unsere Kirchenglocken. Sie sind überall zu hören. Sie sind ein Aufruf zum Gebet. Das Gebet ersetzt keine Tat, aber es ist eine Tat die durch nichts ersetzt werden kann. Wir wissen nicht mehr, wie wir beten können? Uns fehlen die Worte? Gott versteht die Sprache unseres Herzen. Und: das Vaterunser ist das Gebet Jesu, das er der ganzen Welt schenkt. Fehlt uns das Verständnis dafür? Ist Gott uns fremd geworden? Haben wir Abstand von ihm genommen, finden wir den Weg nicht zurück? Jesus geht nicht auf Distanz; er lädt ein: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid!“ (Mt.18)

Gestern hat die Karwoche begonnen. Den Weg in das Leiden bis zum Kreuz geht Jesus für uns alle. Golgatha führt ihn in die Isolation und Verzweiflung. Von Menschen verraten und verkauft, dem Unrecht ausgeliefert, durchlebt Jesus die tiefste Einsamkeit. Aber sein Ruf ergeht an alle: „Es ist vollbracht!“ (Joh.19) - Für alle, die an ihre Grenzen gekommen sind; für alle, die keine Ruhe finden; für alle, die schuldig geworden sind - für sie alle gibt es neuen Frieden. Und für alle, die die Not umtreibt, gilt: „Alle eure Sorge werft auf Ihn…“ (1.Petr.5)

Der Ostersonntag liegt noch vor uns. Da kommt die die entscheidende Wende: „Christ ist erstanden von der Marter alle, des solln wir alle froh sein…“ (EG 99). Dieses Osterlied hat Menschen in früheren Zeiten durch viele Epidemien geleitet. Am Ostermorgen begegnen Frauen dem auferstandenen Jesus. Not und Tod sind überwunden. Die Freude darüber ist ansteckend. Die befreiende Botschaft geht hinaus in alle Welt, zu allen Völkern, und zeigt: Diese Krise findet ein Ende. Gott schenkt neues Leben, Christus bringt Frieden. Es gibt Hoffnung für unsere Welt.

Pfarrer Michael Bausenwein, stv. Dekan und Pfarrer der Evangelischen Friedenskirche, Kitzingen-Siedlung

 

erschienen in: Mainpost am 6.4.2020

Bildrechte: beim Autor

Kreativtest für Nächstenliebe                  

„Erst musste ich mich dran gewöhnen, dann ging's“ so ein Passant auf die Frage, wie er mit den Ausgangsbeschränkungen in der Corona-Krise klar kommt. An vieles haben wir uns gewöhnt, so dass wir es nie hinterfragten. Jetzt sehen wir bisherige Lebensgewohnheiten plötzlich aus einem anderen Blick. Wir müssen uns umgewöhnen. Sowohl im Privaten bei Kinderbeschulung und Home-Office, als auch in der Arbeitswelt und im weltweiten Handel. Heute wird klar, was globale Vernetzung leisten kann und was nicht, oder anders gesagt: Jede Medaille hat zwei Seiten. Wir werden lernen, dass die Herstellung von lebenswichtigen Medikamenten nicht komplett ans andere Ende der Welt verlagert werden kann. Wir müssen Gewohntes aufgeben oder neu hinterfragen. Die Corona-Krise zwingt uns zur Besinnung.

Ist die Fasten- oder Passionszeit nicht genau dafür da, Gewohntes neu zu betrachten, sich anderer Perspektiven zu stellen? Sicher, lieber tut man das freiwillig, nicht unter Anordnung. Jesus hat seinen Lebensstil anderen Menschen nicht aufgezwungen. Jede und jeder durfte frei entscheiden. Aber er hat einen Glauben vorgelebt, der ansteckend war. Jesus hat von einer Liebe erzählt, die Menschen nicht nach ihrer Leistung bewertet, sondern nach ihrer Würde als Mensch an sich. Er wollte sich nicht gewöhnen an Ungerechtigkeit und Missgunst. Vielmehr gab er Kraft und Zuversicht, einen neuen Weg einzuschlagen, der von Liebe und Demut geprägt ist.

Gerade in den Zeiten der Krise entstehen viele neue Ideen für ein gutes Miteinander. Nachbarschaftshilfen kaufen für andere ein, Ehrenamtliche engagieren sich in Kinderbetreuung, führen andrer Leute Hund Gassi, nehmen sich Zeit. Der Stresstest durch Corona wird zum Kreativtest für Nächstenliebe. Daran kann man sich auch gewöhnen, dass Menschen wieder offene Augen füreinander haben. Das Virus hilft zusammenzurücken, weil es keinen Unterschied macht zwischen Arm und Reich, Bildungsschicht, politischer Gesinnung.  Die soziale Kompetenz ist eine Gewinnerin dieser Krise. Menschen verstehen sich als Teil einer Gesellschaft, die unterschiedliche Stärken einbringen kann zum Wohle aller. Jesus hätte das gefallen.

von Pfarrer Uli Vogel, Schernau, Neuses, Dettelbach

(erschienen in: Mainpost am 30.3.2020)

Bildrechte: beim Autor

Wir halten uns fern und sind für einander da

Liebe Leserinnen und Leser,

wir leben in ungewöhnlichen Zeiten:

Was früher gut war: Nähe, Berührung, Hände schütteln, Umarmen - das ist schlecht geworden. Wir wissen, dass wir mit dieser Nähe den Virus weiter verbreiten würden, der besonders für die Alten und Kranken gefährlich ist. Wir zeigen Verantwortung dadurch, dass wir Abstand voneinander halten. Von unserem einem Sohn habe ich den Corona-Check gelernt: Der ausgestreckte Arm von beiden Seiten: Das ist die richtige Distanz für heutige Begegnungen. Unser anderer Sohn wird uns zu Ostern nicht besuchen, aus Rücksicht auf die Großmutter.

In diesen Tagen der notwendigen Isolation ist es besonders wichtig, Gemeinschaft im Glauben zu leben. Viele Menschen stellen jetzt um 19 Uhr eine Kerze ins Fenster und sprechen ein Gebet. Etliche Kirchengemeinden läuten mittlerweile um 19 Uhr die Glocken, um das Gebet zu begleiten. Beim Vaterunser wissen wir uns mit allen verbunden und von Gott gehalten.

Viele beten um 19 Uhr den 91. Psalm:

Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt
und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt,
der spricht zu dem HERRN:
Meine Zuversicht und meine Burg,
mein Gott, auf den ich hoffe.
Denn er errettet dich vom Strick des Jägers
und von der verderblichen Pest.
Er wird dich mit seinen Fittichen decken,
und Zuflucht wirst du haben unter seinen Flügeln.
Seine Wahrheit ist Schirm und Schild,
dass du nicht erschrecken musst
vor dem Grauen der Nacht,
vor dem Pfeil, der des Tages fliegt,
vor der Pest, die im Finstern schleicht,
vor der Seuche, die am Mittag Verderben bringt.
Denn der HERR ist deine Zuversicht,
der Höchste ist deine Zuflucht.
Er hat seinen Engeln befohlen,
dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.

Geben Sie gut Acht auf sich selber und auf Ihre Nächsten!

Hanjo von Wietersheim
Pfarrer in Iphofen
Landeskirchlicher Beauftragter für Notfallseelsorge

 

(erschienen in: Mainpost, 23.3.2020)